Sprach-Energie

 

Handlungscharakter, Bewegung und Dynamik 

Fundament: Jeder sprachlichen Kommunikation wohnt ein Handlungscharakter bzw. kreativer Schöpfungsakt inne, der die Bewusstseinsbildung, oft sogar ein Umdenken und im konkreten Fall Reaktionen beim Rezipienten auslöst. Die Kreativität kann sich bei journalistischen Texten bis zur Gestaltung mit poetischen, rhetorischen Mitteln stei­gern. Dieser dynami­sche Aspekt ist im Sprechen an sich schon angelegt. Die Auffassung von Sprechen als „Handlung“ geht zurück auf Aristoteles νέργεια (energeia), die später Wilhelm von Humboldt und in der Moderne Karl Bühler sowie Eugenio Coseriu (Introducción a la lingüística, Madrid 1986) aufgegriffen haben. 

Nach Bühlers Sprachtheorie (1934) weist jeder sprachliche Akt die drei Funktionen ,Darstellung‘, ,Ausdruck‘ und ,Appell‘ auf.

Sprachliche Zeichen, Zeichenverbindungen und somit auch Tex­te stellen demnach Gegenstände bzw. Sachverhalte dar, fungieren als Symptome dessen, was der Sender ausdrücken möchte, und appellieren an den Rezipienten, die übermittelte Botschaft ak­tiv aufzunehmen, Meinungen zu bilden und in der Folge im Bestfalle auch zu han­deln.

 

Bedingung für die effektive Wirkung der von Journalisten eingesetzten sprachlichen Mittel ist allerdings immer, dass sie ziel- bzw. sinnbezogen sind und die Kohärenz des Beitrags unterstreichen. Um die Wirkung von Texten zu verstärken, liegt es nahe, kraftvolle, sprachliche Ausdrucksmittel zu wählen, die auf der natürlichen Aktionskraft der Sprache aufbauen. Besonders geeignet sind Metaphern, die aufgrund ihrer Assoziationskraft bereits bewusstseinsbildende Funktionen haben. Sie steigern das Lesebedürfnis, zumal sie an das Vorstellungsvermögen und die Fantasie appellieren und somit aktive, kreative Rezeptionsakte auslösen. Das Suggestionspotenzial der Bilder sowie die Möglichkeit, mit Metaphern bestimmte Sinnelemente zu fokussieren, regen die Leser(innen) dazu an, selbst Begriffe und Gedanken zu formulieren. Dadurch fühlen sie sich in die aktive Diskurs-Gestaltung mit einbezogen. Die so erreichte Fokussierung deckt die Folgenschwere des Dargestellten auf.

 

Ist zum Beispiel einem unbelebten Subjekt im Prädikat ein sonst nur mit Personen verbundenes Handlungsverb zugeordnet, spricht Coseriu (1967) von einer Aufhebung der „lexikalischen Solidarität“. Diese Art von Personifika­tion zählt ihm zufolge bereits zum metaphorischen Sprachgebrauch. Zur Betonung der Wirkung von Sachverhalten wird dieses rhetorische Mittel gerade in journalisti­schen Texten oft verwendet. 

Beispielsweise trug der zur Marserkundung eingesetzte NASA-Roboter den englischen/amerikanischen Namen Curiosity, d.h. die menschliche Eigenschaft der Neugier wurde auf das Gerät übertragen: Der Roboter wurde personifiziert und im wahrsten Sinne des Wortes als aktiv handelnder Protagonist und Herr seiner Tat ausgewiesen, indem er mit Prädikaten verbunden wurde, die sonst nur belebten Subjekten zukommen. So vollbrachte er zum Beispiel ‚eine Heldentat‘ allein schon durch durch die Landung, wie es z.B. in EL PAÍS hieß: „El robot de la NASA ha protagonizado esta mañana una hazaña sin pre­cedentes.“

  

Insbesondere erweisen sich Metaphern, die auf Bildern des unmittelbaren existen­ziellen Umfeldes der Sprecher basieren, als besonders wirkungsvoll. Diese motivieren die Rezipienten, sich mit dem jeweiligen Beitrag zu befassen. Sprachen verfügen ebenso wie die Medien Foto und Film über Verfahren, diese Effekte zu erreichen. Als konkrete Mittel werden Formulierungen aus Wortfeldern eingesetzt, die Presseautoren generell gerne als Bildspenderbereich verwenden, da sie aus dem nächsten Umfeld der Menschen, nämlich seinen innigsten Seelenzu­ständen, seinem Gefühlsleben und seiner Stimmung stammen. 

Beipiel: Auch in Sachberichten erreichten die Redakteure somit, dass jede(r) Le­ser(in) emotional aufgerüttelt die gesamte Spannung des als ris­kant und schwierig bezeichneten Ereignisses (span. arriesgado y difícilder Marslandung miterleben konnte: Diese sieben Minuten größter Aufregung(span. siete minutos de terror, EL PAÍS) wurden analog zu filmischen Mitteln mit sprachlichen Raffinessen zeitlupenartig festgehalten und in ein Geschehnis von eindrucksvollem, bleibendem Wert verwandelt. „Ha sido un momento muy especial“ (das war ein ganz besonderer Moment), wurde der Redaktion von El País in einer Pressemeldung zugemailt. Die Momentaufnahme wurde in den anschließenden Berichten durch Vokabular aus dem Wortfeld der Gefühle fokussiert und quasi imaginär vertieft und verlängert.

 

METAPHERN,-Begriff, Grafik: Corinna Kirstein 2013S

 

 

 

 

t,um chtige Momente hervorzuheben und länger festzuhalten.

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© Corinna Manuela Kirstein