Umfelder der Internetkommunikation

 

Das World Wide Web deckt eine geografisch globale, weltweite ‚Zone‘ ab; auf Grund der Globalität des Internets ist mit einem breiten, internationalen Publikum sowie unterschiedlichsten Adressatenkreisen zu rechnen. Den ‚Bereich‘ bildet das jeweilige Sachgebiet des betreffenden Online-Beitrags. Als ‚Umgebung‘ kommen im Falle von Online-Zeitungen sämtliche soziale und kulturelle Leserschichten in Frage. Dies erfordert vor allem einen standardsprachlichen, dialektfreien, allgemein verständlichen Stil.

Die ‚Situation‘ umfasst das räumlich-zeitliche Verhältnis zwischen Produzent und Rezipient: Das moderne Medium Internet bietet Unabhängigkeit von Zeit und Ort der Produktion und Rezeption, wobei Züge der Mündlichkeit sowie unmittelbare Nähe der Kommunikationspartner durch interaktive Textsorten wie Chats, Mails, Diskussionsforen, Facebooks und Blogs fingiert werden. Online-Publikationen erscheinen in Echtzeit und erreichen ihren Rezipienten sofort.

Beim Redeuniversumwerden klare, eindeutige Botschaften erwartet. Besonders wirksam ist die Anspielung auf sinnliche Eindrücke, die an Erfahrungen anknüpfen. Den ‚natürlichen, empirischen Außer-Rede-Kontext‘ bildet das präsente Alltagswissen über allgemein bekannte Fakten. Um Abstraktes zu verdeutlichen und bspw. auszudrücken, wie wichtig Umweltfragen sind, wählen gute Redakteure gerne Metaphern aus dem Bildbereich des menschlichen Körpers. So spürt der Leser am eigenen Leibe, um was es geht; Beispiele: der Park als grüne Lunge, Lebensader, Herz der Stadt etc.

Während Print-Zeitungen konkret angefasst  werden können, haben Online-Produkte einen unfixierten, immateriellen und flüchtigen ‚physikalischen Außer-Rede-Kontext‘; sie können dafür noch multimediale Elemente integrieren. Online sieht man immer nur einen kleinen begrenzten Ausschnitt. Für die Redaktion empfiehlt sich die Proportionierung eines in sich stimmigen Sinnganzen in Einheiten, die jeweils auf eine Bildschirmseite passen bzw. höchstens ein bis zwei Scroll-Aktionen erfordern.

Durch die ansteigende Informationsflut kommt es zu einem erhöhten Orientierungsbedarf: Um eine Lenkung zu den jeweils wichtigen Seiten zu garantieren und den unüberschaubar scheinenden Stoff zu gliedern, bedarf es eines kognitiv fundierten Netzes von in sich kohärenten bzw. konsistenten Navigationsleisten, Suchmodis, Indizes, Linklisten und Sitemaps zur Visualisierung der Sinnstruktur; einheitliche Layout- und Farbgestaltungen sowie typografische Marker, gewohnte Rubriken und klare Bezeichnungen der Buttons vorausgesetzt. Ein leicht rezipierbarer, komplementärer Einsatz von Text, Ton und Bildanimation ist angemessen. 

Als 'praktisch/okkasioneller Außer-Rede-Kontext‘ fungiert der jeweils aktuelle Anlass, zu dem ein Text geschrieben wird. Anlässe, die den Rezipienten zum Lesen eines Artikels bewegen, sind Sensationen, Katastrophen, Siege,  Anlässe zu Jubel oder Trauer sowie akute Vorfälle, die ihn existenziell betreffen: Veränderungen in seiner Region, große Entscheidungen von außen, die Folgen für ihn selbst, seine Familie, Freunde, Vereine, seine Ausbildungsstätte bzw. seinen Arbeitsort haben. Den ‚historisch-kulturellen Außer-Rede-Kontext‘ konstituiert die zugrunde liegende Geschichte bzw. Tradition der betreffenden Sprachgemeinschaft mit ihren Diskurstraditionen.

Die Homepage einer Zeitung einschließlich der von dort aus jeweils angeklickten Teile der Website bildet den ‚Rede-Kontext‘; dieser dynamische Kontext wächst und verändert sich  mit dem laufenden Navigationsprozess durch die Selektionen und Links, die der Rezipient auswählt. Da die Seiten-Zugriffsquote abhängig von der jeweiligen Hierarchieebene ist, liegt es bei der Redaktion nahe, nach Brisanz, Bedeutung und Folgeträchtigkeit zu gewichten bzw. Aktuelles, Kerninformationen und Übersichten auf die Homepage-Startseite zu stellen und Details, Background-Infos und Kommentare auf tieferer Ebene anzusetzen. Gliederungen in Titel, Teaser und Haupttextteil erleichtern den Verstehensprozess.

Dass die Leser/innen heutzutage noch zusätzlich Inhalte über mobile Endgeräte wie Laptop, Tablet-Computer, Handys und Smartphones per iPad, iPhone, iPod etc. weg vom traditionellen Computerplatz in die Welt hinaustragen, lässt erahnen, wie stark die Vielfalt an Umfeldeinflüssen, die dadurch noch in den Rezeptionsprozess gelangen, zugenommen hat. Zudem fördern die kleinen Handheld-Geräte bzw. Mobile Devices den Trend, dass sich der Nutzer die Auswahl der ihm übermittelten Inhalte vor­ab nach seinen Interessen personalisieren und Texte, Fotos sowie Filme schnell selbst hinzufügen kann. Diese neuen Medien beeinflussen die Diskursentwicklung entscheidend. Die Loslösung von Raum und Zeit wird durch Cloud Computing noch intensiviert.

 

Medienbeeinflusster Diskurs (Grafik: C. Kirstein, 2013):

 

 

Früher wurden Film, Fernsehen, Audioaufnahmen, Radio, Telefon und Print getrennt aufgenommen. Mit den neuen mobilen Geräten hingegen wachsen die Multimedia-Einflüsse kanalübergreifend zusammen: Als Folge dieser so genannten Medienkonvergenz müssen Texte auch für Kleinstgeräte proportioniert durch Layoutprogramme mit Abschnittsformaten gekennzeichnet werden, was nur möglich ist, wenn bereits jeder Satz wohl durchdacht und aussagekräftig ist. Dies nimmt uns die Technik trotz zunehmender Vernetzungsmöglichkeiten nicht ab. Sie ist stärker als je zuvor auf sprachliche Marker angewiesen, um überhaupt erst die sinnrelevanten Ansatzpunkte für die Verlin­kungen generieren zu können!

 

Hinzu kommt noch, dass Browsereinstellungen, Newsletter und Online-Zeitungsabos sowie Hör- und Fernsehprogramme jetzt je nach Interessengebieten individuell programmierbar sind: Personalisierte Downloads, App-Anwendungen und Mailings sind an der Tagesordnung. All diese Faktoren führen bei Autoren und Rezipienten zu weiteren Kontextualisierungen mit immer neu­em Umfeldwissen, das auf diese Weise beeinflusst und wiederum eingebracht wird. Bisher verborgene Zusammenhänge werden aufgedeckt. Gleichzeitig steigen auch die Möglichkeiten, sich über dieses Wissen auszutauschen.

 

Von der Bereitschaft der Rezipienten, Medienkompetenzen zu erwerben, Fähigkeiten des Umgangs mit den modernen Kommunikationswegen zu entwickeln und anderen ebenfalls bereitzustellen, hängt es ab, inwieweit die so entstandenen Inhalte gemeinsam genutzt werden. Von Chancen profitieren und Risiken abwehren ist dabei der Bildungsauftrag von Medien­pädagog(inn)en.

  

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© Corinna Manuela Kirstein